Herbst ´94: kurz ganz oben und am Scheideweg

Das letzte Spiel der Saison 1993/94: der Gegner hieß Rapid. Das 0:1 lockte gerade 2.000 Zuseher in die Volksstraße. Der Klassenerhalt war ein paar Tage zuvor fixiert worden, nur dank der gegenüber St. Pölten besseren Tordifferenz entkam man der Relegation. Für Freudensprünge reicht das längst nicht mehr. Für den Verein, der mittlerweile seit sechs Saisonen in der ersten Bundesliga spielte, war der 8. Platz eine Enttäuschung. Präsident Leo Dittrich kündigte eine Reihe blauer Briefe an. Waldhör, Dubajic, Vukovic und Kocijan ihrerseits sahen sich nach neuen Herausfoderungen um. Nicht nur sportlich lief es unrund. Das K-Wort hielt Einzug. Die OÖ. Nachrichten berichteten im Wirtschaftsteil über nicht ganz astreine Sponsorengeschäfte und über einen Konkursantrag gegen den Verein (siehe Bild).

Der SK Vorwärts im Wirtschaftsteil. Erstmals dunkle Wolken am Horizont. (c) OÖN

Trainer Djuricic und acht neue Spieler

Keine guten Vorzeichen für die Saison Nummer sieben in der 1. Division. Mit Milan Djuricic wurde ein neuer Trainer geholt, beim ersten Test gegen Torpedo Moskau (0:0) wurden zehn neue Spieler getestet. Letztendlich standen zu Beginn der neuen Saison zehn Abgängen (Waldhör, Linimair, Kocijan, Schwarzlmüller, Koch, Prömmer, Dubajic, Music, Feric, Maier) acht Neuzugänge gegenüber. Darunter auch klingende Namen: Westerthaler und Hassler aus Innsbruck, Sarpei vom FC Köln, daneben aber Spieler mit Fragezeichen: Krisper von Sturm Graz, Mitterlehner von Amateure Steyr, Berchtold vom Sportclub, Nawuu (Wuppertal) und Azima (Oldenburg).

Alle sahen uns unten

Ein erneuter Kampf gegen den Abstieg durfte erwartet werden. Acht Kapitäne der zehn Erstdivisionäre sagten der Vorwärts in ihrer Saison-Prognose einen Abstiegsplatz voraus (siehe Bild).

Fast alle waren sich einig: Vorwärts Steyr landet im Keller. (c) Krone

Und es kam anders. Schon im ersten Spiel bei Sturm Graz ließ die Mannschaft mit einem 1:1 aufhorchen [Video].

Es folgte ein 2:0 daheim gegen Mödling. Vor allem zwei Herren aus Afrika spielten sich rasch in die Herzen der Fans: Der Ghanese Richard Naawu und der Ägypter Mohammed Azima (der eigentlich Semida heißt), sein Freistoßtor gegen Mödling sollte nicht sein letzter Billardstoß sein. Die Krone bezeichnete die beiden schon nach Runde zwei als die „Goldenen Vorwärts-Trümpfe.“

Steyrer Beton in Innsbruck

In Runde 3 lud der FC Tirol zum Spitzenmatch auf den Tivoli. Erster gegen Dritter. Über die Favoritenrolle diskutierte man bei Hans Krankls Starensemble nicht. In Innsbruck diskutierte man über die Höhe des Sieges und wie sich „Gischi“ Westerthaler bei seiner Rückkehr im Sporthemd der Steyrer am Tivoli präsentieren würde.  In der 70. Minute wurde es still in dem mit 10.000 Zuschauern gefüllten Tivoli [Video].

Gernot Krinner staubt nach einem Bilderbuchkonter über Naawu  erfolgreich ab und dabei blieb es. „FC Tirol scheiterte an der Steyrer Mauer“ titelte die Tiroler Tageszeitung , und die Krone tadelte: „Das Sensationsteam Vorwärts Steyr wird wegen seine Taktik weiterhin kritisiert,“ und einen Tag später: „FC Tirol scheiterte an Steyrs Kick ohne Seele.“ Den Tadel ertrug man in Steyr ob der Tabelle recht gelassen, die Vorfreude auf das Derby gegen den LASK stieg.

Dämpfer gegen den LASK

Dem Höhenflug folgten ein paar Dämpfer: 0:3 vor 8.000 Zuschauern (siehe Bild) gegen den LASK – der erste Sieg der Linzer in Steyr nach 43 Jahren [Video].

Volles Haus und voller Einsatz von Herrn Barac in Steyr beim Derby gegen den LASK. (c) OÖN

Ein 1:3 bei Rapid ein paar Tage später. Im Heimspiel gegen die Admira steht es nach 18 Minuten 0:2. Und dennoch spricht Trainer Djuricic nach dem Spiel von der besten Saisonleistung. Madlener und Naawu gleichen noch vor der Pause aus, in der zweiten Halbzeit spielen wir die Admira an die Wand und Nawuu die Abwehr schwindlig. Es bleibt bei einem für die Admira äußerst glücklichen 2:2 [Video].

In Runde 7 ist uns das Glück hold. Gernot Krinner sichert mit eine Doppelschlag in Minute 73 und 75 ein 2:2 Remis in Salzburg. [Video].

Es folgte das Derby gegen den FC Linz, eine Standortbestimmung. Der Standort war weiterhin die Tabellenspitze. Ein souveränes 3:0. Der zweifache Torschütze Naawu wird mit Sprechchören gefeiert [Video].

Das darauffolgende Spiel bei der Austria wird mit 0:1 verloren, gleich darauf das Heimspiel gegen die Wiener. Madlener vergibt einen Elfmeter, Azima holt die Kohlen aus dem Feuer: Ein Freistoß rettet uns ein 1:1. [Video]

Plötzlich träumen wir vom Europacup

Heimspiel gegen den Tabellenführer Sturm Graz und wieder stellte Azima das Visier scharf. Nur zwei Minuten nach Krinners 1:0 knallt er einen Freistoß unter die Latte. Ivica Vastic macht es mit dem Anschlußteffer vor der Pause noch einmal spannend, es bleibt aber beim 2:1. Eine Woche später in Mödling: 2:1. Westerthaler, der bislang unter den Erwartungen geblieben war, erzielt sein erstes Tor für Rot-Weiß. Platz 4 in der Tabelle nach zwölf Runden, und Präsident Dittrich positioniert den Abstiegskandidaten in den OÖ. Nachrichten neu: “Das Ziel ist der Europacup“ (siehe Bild).

Große Töne bereits vor dem Schlager gegen den FC Tirol. (c) OÖN.

Festspiele gegen den FC Tirol

Und wer könnte es ihm verdenken, zumindest nach Runde 13. Der FC Tirol gastierte und deren Trainer Hans Krankl zog eine Spanienreise zum Zwecke der Beobachtung eines Europacupgegners dem Ausflug nach Steyr vor. Er hat etwas versäumt. Die Festspiele von Gröbl, Westethaler, Madlener und Naawu. Platz 2 in der Tabelle nach einem 5:0 Furioso.

Sogar Schiedsrichter Scheuhanmmer lässt sich nach dem Spiel zu einem Kommentar hinreißen: „Die Innsbrucker haben mir richtig leidgetan – der Abpfiff muss für sie wie eine Befreiung gewesen sein“.Der SK Vorwärts, die Torfabrik der Liga, 22 Tore auf der Habenseite (siehe Bild).

Die Tabelle nach dem 5:0 gegen Innsbruck. (c) OÖN.

Beim Derby gegen den Lask in Linz wird den 8.000 Fans auf der Gugl 88 Minuten lang fußballerische Schonkost geboten, ehe es Schlag auf Schlag geht. Vermeintlicher Siegestreffer für den LASK durch Ramusch in der 88. Minute, in Minute 90 gleicht Azima aus.

„Der billigste Trainer läßt Rapid zittern“, titeln die OÖN vor dem Heimschlager gegen Rapid. Der Höhenflug hält die Fans in ihrem Bann, da werden Zeilen gerne überlesen, die auf dunkle Wolken am Horizont hinweisen:  Dittrich schreibt in der Woche vor dem Schlager Bittbriefe an „alle Parteien“ in Oberösterreich und erhält keine Antwort.

Das Spiel läuft hingegen läuft wie bestellt, das 1:0 durch Westerthaler in der 8. Minute. Rote Karte für Rapids Jovanovic in der 22. Minute. Erst in den letzten 20 Minuten des Spiels drehen die Wiener das Spiel, trotz der 1:2 Niederlage bleibt Vorwärts in der Tabelle vor Rapid [Video].

10.000 im Vorwärtsstadion gegen Salzburg

Ein kleiner Einbruch beginnt: Bei der Admira geht man mit 2:4 unter. Für das letzte Heimspiel im Herbst ist Salzburg angesagt. Knapp 10.000 Zuschauer drängen sich in der Volksstraße, darunter vermutlich an die 4.000 Salzburger und darunter unglaublich viele junge Frauen und Mädchen. Austria Salzburg hatte sich zu dieser Zeit zur Boy Group des österreichischen Fußballs entwickelt. Der Roar der Mädels an der fast vollständig von Salzburgern besetzten Osttribüne, wenn Pfeiffenberger und Co. an der Linie Schwung holten – unvergesslich und ein völlig neues Phänomen im österreichischen Fußball. Die dicht gedrängten Steyrer und Salzburger sehen einer der vermutlich besten torlosen Partien, die es in diesem Stadion jemals zu sehen gab.

Rang 6 im Herbst und dunkle Wolken am Horizont

Das Derby in Linz gegen den blau-weißen Stadtklub beendete die Herbstsaison, mit einem enttäuschenden 1:3. Der SK Vorwärts rangierte auf Platz 6. Fünf Punkte hinter Tabellenführer Austria Wien – aber mit nur drei Punkten Polster auf einen Relegationsplatz (siehe Bild).

Mit Platz 6 und vielen Fragezeichen verabschieden wir uns in den Winter. (c) OÖN

Ein Halbjahr mit grandiosen Spielen lag hinter uns, allzu hoffnungsvoll in die Zukunft wagten die wenigsten zu blicken. Der Kurier fasste es in einem insgesamt recht eigentümlichen Resümee zusammen: „Marode Finanzen, leere Klubkassa“ (siehe Bild).

Ein nüchternes Resümee, eine ernüchternde Aussicht. Wo geht die Reise hin? (c) Kurier.

 

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